Die Mathilde-Anneke-Gesamtschule ist in diesem Jahr mit dem Dr.-Julius-Voos-Preis der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ausgezeichnet worden. Der Preis würdigt Schulen und Initiativen, die sich in besonderer Weise für eine lebendige Erinnerungskultur einsetzen. Stellvertretend für die Schulgemeinschaft nahm ein Geschichts-Leistungskurs den Preis bei der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit im Rathaus entgegen.
Der Preis steht für eine Gedenkarbeit, die an unserer Schule seit vielen Jahren in unterschiedlichen Projekten getragen wird – im Unterricht, in Arbeitsgruppe „AnDenken“ und in Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern.
Ein besonderer Beitrag kam in diesem Jahr aus dem Geschichts-Leistungskurs der Oberstufe. Ausgangspunkt war ein Besuch eines Vortrags von Susanne Siegert in der Villa ten Hompel, der sich mit neuen Formen der Erinnerungskultur beschäftigte. Im Unterricht griff der Kurs diese Anregung auf und beschäftigte sich mit einem Klassenfoto der jüdischen Volksschule Münster aus dem Jahr 1940.
Das Foto wurde im Hof der Marks-Haindorf-Stiftung am Kanonengraben aufgenommen. Nachdem jüdische Kinder ab 1939 nicht mehr die öffentlichen Schulen besuchen durften, wurde dort die jüdische Volksschule untergebracht. Auf dem Bild sind 29 Personen zu sehen – Schülerinnen und Schüler sowie fünf Erwachsene. Nur fünf der Kinder überlebten die Shoah.
Die Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses stellten sich die Frage, was aus den Kindern geworden ist, die auf diesem Foto zu sehen sind. Um Antworten zu finden, recherchierten sie über mehrere Wochen hinweg in verschiedenen Archiven, unter anderem im Arolsen Archiv und bei Yad Vashem.
Besonders intensiv beschäftigten sie sich mit der Geschichte der Familie Pins aus Wolbeck. Mehrere Kinder der Familie sind auf dem Klassenfoto zu sehen. Die Geschwister wurden – wie viele andere jüdische Familien aus Münster – am 13. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Einige von ihnen wurden später ermordet.
Auch die Geschichte des Fotos selbst erzählt viel über die Zeit nach dem Krieg. Das Bild wurde von der Überlebenden Irmgard Heimbach gerettet. Sie musste im Ghetto Riga und später im Konzentrationslager Kaiserwald Zwangsarbeit leisten und wurde anschließend in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig deportiert. Nach der Befreiung kehrte sie 1945 nach Osnabrück zurück.
Dort traf sie Helmut Pins, der ebenfalls deportiert worden war und den Krieg überlebt hatte. Irmgard Heimbach zeigte ihm das gerettete Foto und schenkte ihm die untere Hälfte des Bildes, auf der seine ermordeten Geschiwster Anni, Ilse und Werner Pins zu sehen sind. Die obere Hälfte behielt sie selbst. Erst Jahrzehnte später konnten beide Teile wieder zusammengefügt werden, als die Witwe von Helmut Pins das zweite Stück des Fotos zurückgab.
Die Ergebnisse ihrer Recherchen stellte der Leistungskurs anschließend der gesamten Schulgemeinschaft vor. In einem Museumsgang mit Plakaten wurden die Lebensgeschichten der Kinder aus dem Klassenfoto vorgestellt. Darüber hinaus beteiligten sich Schülerinnen und Schüler der Mathilde-Anneke-Gesamtschule an der städtischen Gedenkveranstaltung am 27. Januar, dem internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus.
In der Laudatio zur Preisverleihung wurde besonders hervorgehoben, dass Erinnerung nicht nur aus Zahlen und historischen Fakten bestehen dürfe. Entscheidend sei es, den Opfern ihre Identität und ihre Geschichte zurückzugeben. Genau das sei mit diesem Projekt gelungen. Die Mathilde-Anneke-Gesamtschule versteht Erinnerungskultur als gemeinsame Aufgabe der gesamten Schulgemeinschaft. Projekte wie dieses zeigen, wie Unterricht geöffnet werden kann: durch eigene Recherche, Begegnungen, Kooperation mit außerschulischen Lernorten und aktive Beteiligung an öffentlichen Gedenkveranstaltungen.

